Der Mond - verschlungen vom Drachen

Am 8. / 9.. November 2003 konnten wir eine phantastische Verfinsterung des Mondes beobachten (rechtes Bild). In den Jahren darauf hatte ich weitere Finsternisse verfolgen können. Die nächste kommt allerdings erst in 2011.

Was ist nun das besondere an dieser Erscheinung? Nun, erstens lernen wir ganz zwanglos etwas über die “Himmelsmechanik” kennen, d.h. über die Bewegung von Sonne, Mond und Erde, zweitens gibt es einen geschichtlichen Aspekt und drittens ist die Betrachtung einer Finsternis einfach schön.

Fangen wir mit dem ersten Punkt an: Wie kommt eine Mondfinsternis zustande? Betrachten wir den Mond an mehreren Abenden, so erkennen wir, daß er jeden Tag ein Stückchen gewandert ist. Gleichzeitig ändert er auch seine Lichtgestalt: Man sieht ihn also zum erstenmal als Sichel, dann als Halbmond und schließlich als Vollmond. Anschließend verabschiedet er sich wieder als Sichel. Das läßt sich leicht erklären: Der Mond umkreist die Erde, und zwar fast einmal in einem Monat. Befindet er sich zwischen Sonne und der Erde, so schauen wir auf seine dunkle, unbeleuchteten Seite. Obendrein steht er mit der Sonne am Tageshimmel. Wir können ihn also nicht sehen, wir haben Neumond. Ungefähr einen halben Monat später befindet sich der Mond - von der Sonne aus gesehen - hinter der Erde. Nun schauen wir auf die voll beleuchtete Seite unseres Begleiters und wir haben Vollmond.

Nun kommt noch eine - allseits bekannte - Tatsache hinzu: Jeder Körper, der einseitig beleuchtet wird, wirft einen Schatten. Das kennen wir zum Beispiel vom Spaziergang bei Dunkelheit, wenn die Straßenbeleuchtung eingeschaltet ist. Unser Körper wirft einen Schatten auf den Bürgersteig. Das gleiche gilt auch für unsere Erde, auch sie wirft einen langen Schattenkegel in den Raum hinein, den wir normal nicht sehen können (Es gibt aber auch hier Ausnahmen, siehe den Abschnitt “aufsteigender Erdschatten”). Haben wir nun Vollmond und der Mond befindet sich genau in der Ebene, auf der die Erde die Sonne umkreist, dann befinden sich Sonne, Erde und Mond auf einer geraden Linie. Der Mond taucht nun in den Erdschatten ein - er verschwindet!

Wenn das alles wäre, so hätten wir eine doch recht langweilige Erscheinung. Doch nun kommt die Erdatmosphäre ins Spiel. Im Schattenkegel herrscht nicht absolute Dunkelheit, denn das Sonnenlicht - und hier hauptsächlich der rote Anteil - wird durch die Atmosphärenschichten etwas in den Schatten hineingelenkt. Dieser Effekt ist auch bei der Entstehung des Abend- und Morgenrots beteiligt, daher erscheint der verfinsterte Mond sehr häufig rötlich. Das ist ein phantastischer Anblick! Die Farbe variiert je nach Zustand (Verschmutzung) unserer Atmosphäre und läßt sich nicht immer vorhersagen.

Findet nun eine Finsternis jeden Monat statt? Nein! Der Mond muß ja durch den Schatten der Erde hindurchlaufen. Da nun aber die Bahn des Mondes gegenüber der Erdbahn leicht geneigt ist, gibt es nicht bei jedem Umlauf eine Mondfinsternis. Meistens bewegt sich der Monat einfach über oder unter dem Erdschatten vorbei und wir sehen einen normalen Vollmond.

Gehen wir in die Geschichte und nehmen noch als zweite Erscheinung die Sonnenfinsternisse hinzu, so können wir uns vorstellen, daß die alten Völker sicherlich sehr aufgeregt über diese Ereignisse waren. Oft folgt einer Mondfinsternis eine Sonnenfinsternis in einem halben Monat Abstand oder umgekehrt. So gab es in 2003 eine Mondfinsternis am 16. Mai und 8./9. November, der jeweils eine Sonnenfinsternis am 31. Mai bzw. 23. November folgte. Erklärungen wie die oben aufgeführten, gab es seinerzeit nicht, also half man sich z.B. bei den Babyloniern mit einem Drachen. Das sich Sonnen- und Mondfinsternisse an einander genau gegenüberliegenden Punkten am Himmel ereignen, umspannte der Drache Tianat den halben Himmel. Zu manchen Zeiten drohte nun der Drache die Sonne in seinem gezähnten Rachen zu verschlingen, zu anderen Zeiten verdeckte er den Mond mit seinem Schwanz. Noch heute heißen diese Punkte am Himmel “Drachenkopf” und “Drachenschwanz”. Damit solche Ereignisse eventuell mit seinem Spektakel - um den Drachen zu erschrecken - verhindert werden konnten, war eine Vorhersage dieser Finsternisse sehr wichtig. Manchmal ging es für die verantwortlichen Personen nicht gerade glimpflich aus, wenn sie eine Vorhersage versäumten.

Copyright der Fotos, Zeichnungen und Texte, wenn nicht anders vermerkt, bei Helmut Gröll

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